200 Jahre Musikverein: Der gute Ton für Münster

Es lag in der Luft. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren im Zuge der Aufklärung Literatur- und Debattierkreise, Lese- und Philosophiezirkel entstanden, die sich in der adelig-bürgerlichen Gesellschaft großer Beliebtheit erfreuten, wie z.B. in Münster der „Münstersche Kreis“ um Amalie Fürstin zu Gallitzin. Ihm gehörten Persönlichkeiten wie die Brüder Clemens August und Kaspar Max von Droste Vischering oder Anton Matthias Sprickmann an, die später zu den Gründungsvätern des „Musikalischen Vereins“ in Münster zählen würden.

Im Winter 1816 / 17 war es so weit. Nach Restauration und politischer Neuordnung auf dem Wiener Kongress wird auf Anregung des Münsteraner Kaufmanns Jodokus Schücking und unterstützt vom Freundeskreis um den Universitätsprofessor Anton Matthias Sprickmann und Mitgliedern des westfälischen Adels die „Musikalische Gesellschaft in Münster“, der Musikverein, gegründet, um „sich und anderen durch eine dem Zweck der Musik angemessene Musik eine angenehme und nützliche Unterhaltung und Erholung zu verschaffen“.

Alle Vereinsmitglieder sollten ursprünglich spielende Mitglieder sein, also entweder singen oder ein Instrument beherrschen, damit der Verein einen Chor und ein Orchester hatte. Die Brüder Droste Vischering spielten Klarinette und Violine. Ihr Lehrer war Anton Matthias Sprickmann. Der Komponist Maximilian von Droste zu Hülshoff war von Anfang an dabei und schrieb für den Verein Kantaten und Sinfoniekonzerte. Die meisten Mitglieder waren höhere und höchste Beamte aus den Verwaltungs-und Justizbehörden der Regierung und der Provinz, von denen 30 bis 50 Prozent aus Preußen hinzugezogen waren, sowie deren Familienangehörige. Hinzu kamen Mitglieder des westfälischen und preußischen Adels, der Garnison und der Universität. Angehörige der Münsteraner Kaufmannschaft, wie z.B. die Familie Hüffer, waren nur vereinzelt anzutreffen. Alle verstanden sich als Dilettanten, sodass die Konzerte Dilettantenkonzerte oder auch Liebhaberkonzerte genannt wurden.

Da unter den „Dilettanten“ vor allem Sänger zu hören waren und weniger Musiker, wurden bald Mitglieder der ehemaligen fürstbischöflichen Hof – und späteren Domkapelle hinzugeworben und nach deren Auflösung Musiker der Kapelle des 13. Infanterieregiments. Diese blieben trotz mehrfacher Terminprobleme – Manöver, Engagement am Theater – dem Verein erhalten, bis der seit langem gehegte Wunsch des Vorstandes des Musikvereins, eine städtische Kapelle zu gründen, nicht zuletzt durch die Unterstützung des Oberbürgermeisters und Vorstandsmitgliedes Dieckmann im Jahre 1919 verwirklicht werden konnte.

Anfangs gab es wöchentliche kleinere Konzerte und einmal pro Jahr zum Fest der Heiligen Cäcilia am 22.November das große Cäcilienfestkonzert, das ab 1863 in zwei Teilen über zwei Abende lief, mit einem Souper endete und als großes gesellschaftliches Ereignis in Münster galt. Die wöchentlichen Konzerte wurden bald auf vierzehntägige Konzerte und ab etwa 1860 auf zehn bis zwölf Vereinskonzerte reduziert. Grund dafür waren die nicht regelmäßig verfügbaren Solisten und Orchestermusiker und die mitunter nicht verlässliche Teilnahme der Chormitglieder an den vor den Konzerten täglichen Proben. Zudem zeigten die Konzertbesucher häufig nicht die den Aufführenden gebührende Anerkennung und Wertschätzung, indem man sich während des Konzerts ungeniert angeregter Unterhaltung widmete oder durch lautes Zuspätkommen störte.

In den ersten Jahrzehnten bildete der Musikverein mit seinen aktiv musizierenden Mitgliedern eine stark nach außen abgeschlossene Gesellschaft. Durch finanziellen Engpass gezwungen und vom Magistrat der Stadt Münster dazu aufgefordert, entschloss sich der Verein zu den nötigen Reformen, öffnete sich für jeden Bewohner der Stadt und ließ auch nicht aktive Mitglieder zu. Ausnahmsweise konnten sogar Nichtmitglieder und „Fremde“ die Vereinskonzerte besuchen. Im Allgemeinen aber waren es Abonnentenkonzerte, wobei nach 1945 jeder Abonnent auch Vereinsmitglied wurde. Diese „Zwangsmitgliedschaft“ endete erst Mitte 1969 durch eine entsprechende Änderung der Vereinssatzung. Heute gibt es neben den aktiven die passiven Mitglieder, die sich in der „Passivitas“ treffen, ehemals im Chor mitsangen und weiterhin regen Anteil am Chorleben und seinen Konzerten nehmen.

Bereits in der ersten Satzung des Vereins von 1819 wurde eine Vereinsleitung bestimmt, die aus fünf Personen bestand, darunter der Musikdirektor. Später nannte sich dieses Gremium „Direction“, heute ist es der Vorstand, dessen Mitglieder den Verein leiten, wobei der Mitgliederversammlung in satzungsgemäß festgelegten Fragen ein Beschlussrecht zukommt.

Bald nach der Vereinsgründung war die Notwendigkeit eines Musikdirektors offenbar geworden, der die Konzerte organisieren und leiten sollte. Er kümmerte sich natürlich auch um die Qualität der Aufführungen, z.B. um die Gesangsschulung der Sänger. Für Neumitglieder war –vor allem bei den Damen – ein Vorsingen vorgesehen. Die Proben fanden nicht regelmäßig statt, bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts wöchentliche Chorproben eingeführt wurden. Der erste besoldete Musikdirektor des Vereins war ab 1822 Simon Georg Schmidt, der aus Coburg kam und 13 Jahre blieb. Von den Nachfolgern ist Julius Otto Grimm zu erwähnen, der 40 Jahre sehr erfolgreich sein Amt ausübte. Um ihn, der wohl auch immer wieder wegstrebte, zu halten, wurden sein Gehalt und seine Pension erhöht und ein Wagen für Dienstfahrten zur Verfügung gestellt.

Gegen Anfang des 20.Jahrhunderts wurde dem Vorstand des Musikvereins klar, dass der Verein die Kosten für das Orchester und den Generalmusikdirektor auf Dauer nicht mehr allein würde tragen können. Unter den Mitgliedern gab es genügend Beamte der Stadtverwaltung, sodass es nicht schwer war, die Verbindung zur Stadtverordnetenversammlung herzustellen. Bald wurde beschlossen, dass die Stadt Münster das Orchester als städtisches Orchester übernahmen und einen städtischen Musikdirektor anstellen sollte. Zunächst wählte der Verein den Dirigenten, Fritz Volbach, der kurz darauf, Ende 1917, zum ersten städtischen Generalmusikdirektor ernannt wurde. Kriegsbedingt leitete er erst ein Jahr später sein erstes Konzert in Münster. In der Folge gestaltete sich das Verhältnis Musikverein-Generalmusikdirektor-Stadt Münster nicht unproblematisch, da der Generalmusikdirektor Angestellter der Stadt war und städtische Wünsche sich nicht unbedingt mit den Wünschen des Musikvereins deckten. Schon aus finanziellen und dienstrechtlichen Gründen behielt schließlich die Stadt das letzte Wort, was den Verein andererseits sogar entlastete, weil auf diese Weise die Zuständigkeiten eindeutig geklärt waren.

Die Aufführungsorte waren ab 1816 das Schauspielhaus an der Ecke Neubrücken/ Bogenstraße, zusätzlich ab 1818 das Krameramtshaus am Alten Steinweg, von 1842 bis 1863 das Hotel „Zum König von England“ am Prinzipalmarkt , von 1963 bis 1920 der Alte Rathaussaal von und von 1920 bis zu deren Zerstörung 1944 die Stadthalle an der Neubrückenstraße. Nach 1945 fanden die Konzerte u.a. in der Münsterlandhalle, im Großen Haus des Theaters und in den Münsteraner Kirchen statt.

Der Chor, der sich im Jahre 2004 den Namen „Konzertchor Münster“ gab, ist das heutzutage einzig verbliebene Ensemble des Musikvereins und fördert gemäß der Satzung „das Musikleben der Stadt, insbesondere durch Mitwirkung bei Konzerten des Sinfonieorchesters Münster. Der Musikverein ist bemüht, seine Aufgaben in enger Zusammenarbeit mit anderen Institutionen gleicher Zielsetzung zu erreichen“. Bis heute ist das Amt des städtischen Kulturdezernenten mit der Mitgliedschaft im Vorstand des Musikvereins verbunden. Der Generalmusikdirektor ist künstlerischer Leiter des Chores und leitet die Konzerte. Der musikalische Leiter des Chores ist in den vergangenen Jahrzehnten entweder der Chordirektor des Theaters oder dessen Studienleiter, der in den Proben die Werke einstudiert.

Der Konzertchor ist sich der langen und wechselhaften Geschichte des Musikvereins durchaus bewusst und sieht sich in seiner 200-jährigen musikalischen und gesellschaftlichen Tradition in der Stadt Münster fest verortet. Er begreift sich als „der städtische Chor“ in Münster. Es werden pro Jahr etwa drei vom Sinfonieorchester Münster begleitete Konzerte aufgeführt, in denen sich die sämtlichen großen und allseits bekannten Chorwerke wiederfinden, zusätzlich aber auch Werke von Leonard Bernstein, César Franck, Arthur Honegger, Zoltán Kodály und Giacinto Scelsi. Üblicherweise tritt der Chor pro Jahr in einem Sinfoniekonzert im Großen Haus auf und wird mitunter auch bei Opernproduktionen eingesetzt.

In den 200 Jahren Musikverein wurde die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach am häufigsten aufgeführt, nämlich knapp 50mal, zuletzt im Jahre 2005. Danach folgt die 9.Sinfonie von Ludwig van Beethoven mit der Ode an die Freude, die 46 mal gesungen wurde, gefolgt von „Die Schöpfung“ von Josef Haydn mit 28 Konzerten.

In besonderer Erinnerung blieb den Chormitgliedern die Montage von Luigi Dallapiccolas Oper „Il Prigioniero“ mit dem Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart im Jahre 1998 unter dem damaligen Generalmusikdirektor Will Humburg im Großen Haus. Die Mitwirkung bei Azio Corghis „Divara- Wasser und Blut“ ebenfalls unter Will Humburg im Jahre 2000 sowohl in Münster als auch in Ferrara wird für die Sängerinnen und Sänger ebenso ein unvergessliches Erlebnis bleiben.

Bei „Le Grand Macabre“ von György Ligeti unter Will Humburg 1997 gab es für einige Chormitglieder die Möglichkeit auf der Bühne mitzusingen. In den letzten Jahren trat der Chor u.a. in „Fidelio“ von Beethoven (2006/07), „Parzival“ von R.Wagner, und „Sommernachtstraum“ von F. Mendelssohn Bartholdy auf.

Seit einigen Jahren tritt der Chor – einer frühen Tradition des Chores des Musikvereins folgend – in Benefizkonzerten mit eigenem a-cappella- Programm auf. Das Repertoire wird ständig erweitert und ermöglichte es dadurch, unter der Leitung von Chordirektorin Donka Miteva am Harmoniefestival in Limburg-Lindenholzhausen erfolgreich teilzunehmen (2011). Im Sommer 2014 ging der Chor unter der damaligen Studienleiterin und Chorleiterin Elda Laro mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms auf Tournee nach Sizilien.

Mit Chören aus Münsters Partnerstädten bestehen lebhafte Kontakte.

Eine Befragung unter den Chormitgliedern, warum sie im Konzertchor Münster mitsingen, zumal in Münster heute die Auswahl unter etwa 48 Chören besteht, ergab z.B. die folgenden Antworten:

  • „… weil wir mit dem Sinfonieorchester Münster auch unbekanntere und weltliche Werke singen und weil mich die Nähe zum Theater fasziniert und inspiriert.“
  • „…weil es hier die Möglichkeit gibt, auch außergewöhnliche (moderne) Stücke zu singen“.
  • „…wegen der tollen Generalmusikdirektoren und wegen des fulminanten Orchesters.“
  • „…weil das gemeinsame Singen im Konzertchor ein positives Lebensgefühl gibt.“
  • „…weil mich das höhere Niveau und das Theater angesprochen haben“.
  • „…weil bei uns sehr musikalisch und diszipliniert geprobt wird“.

Für fast alle ist die professionelle Zusammenarbeit mit dem Generalmusikdirektor, dem Studienleiter oder Chordirektor und mit dem Sinfonieorchester, überhaupt die Nähe zum Theater, besonders reizvoll.