Erinnerungen langjähriger Chormitglieder

Robert Middendorf – eingetreten 1948
Dorothea Raspe – eingetreten 1988 – von 1978 bis 1983 Mitglied des Jugendchores der Stadt Münster

Wie kamst Du auf die Idee, beim Chor des Musikvereins mitzusingen?
R.M.:

Im Jahre 1948 wurde in Münster das 300-jährige Jubiläum des Westfälischen Friedens gefeiert. Das war ein ganz besonderes Ereignis, zumal es nach dem Krieg einen starken kulturellen Nachholbedarf gab. Das muss man sich mal vorstellen! Es sollte die 9. Symphonie von Beethoven aufgeführt werden und für die Ode an die Freude wurden Sänger gesucht! Vor allem kriegsbedingt herrschte ein großer Mangel an Männerstimmen. Ich hatte früher im Schulchor gesungen und meldete mich an. Das Konzert fand in der Kiffehalle statt und war ein toller Erfolg. Die Begeisterung war grenzenlos. So trat ich in den Chor ein. Der Chor des Musikvereins galt etwas in Münster, es war der größte Chor mit einer besonderen Tradition und Reputation. Es war schon etwas Besonderes, dazugehören zu dürfen. Mir ist noch die sehr herzliche Aufnahme erinnerlich, die mir als Neuling galt. Auch erinnere ich mich an die idealistische Atmosphäre, den Zusammenhalt innerhalb des Chores. Wir hatten einfach das Gefühl, hier in Münster die musikalische Kultur entscheidend mitzugestalten. Wir waren doch der einzige Oratorienchor mit etwa 120 Sängern. 1949 sangen wir dann die Matthäuspassion von Bach in der Halle Münsterland. Die Stimmung, die da herrschte, ist heute gar nicht mehr vorstellbar. Umwerfend!
Wir sangen drei bis vier Konzerte im Jahr, hatten den Chorrepetitor vom Theater und natürlich leitete der Generalmusikdirektor die Proben. Die Beziehung zum Generalmusikdirektor war sehr eng und irgendwie von beiden Seiten selbstverständlich. Die Proben fanden im Schillergymnasium und im Steingymnasium statt. Der Montag war der Chortag, daran gab es nichts zu rütteln.

Welche Stimme hast Du gesungen und woran erinnerst Du Dich besonders?
R.M.:

Ich sang Bass. Was mir neben den Konzerten noch sehr gefiel, war, dass wir auch bei Opernaufführungen mitsangen. Wo gab es denn das, dass Du als Laie im Theater auftreten und singen konntest? Ich erinnere mich an „Fidelio“, aber auch an „Unsere kleine Stadt“ von Thornton Wilder, wo wir im Schauspiel einen Choral am offenen Grab sangen. Das vergisst keiner! Später waren die Reisen z.B. mit „Divara“ von Corghi nach Ferrara oder die Aufführung von „Le Grand Macabre“ sehr anregend. Für uns Sänger war es ein Ansporn, dass der jeweilige Generalmusikdirektor sich freute, einen so großen Chor zur Verfügung zu haben. Außerdem reiften wir musikalisch mit jeder Neueinstudierung weiter. Die Leistungsbereitschaft war sehr groß. Manche Sängerinnen und Sänger konnten sogar in den Extrachor wechseln, der noch mehr bei Opernaufführungen mitwirkte und heute natürlich noch mitwirkt. Ich fand es auch gut, dass, wie schon bei der Gründung des Musikvereins üblich, sich unter den Sängern ganz selbstverständlich die „Spitzen“ der Münsteraner Gesellschaft befanden. Der Chor gehörte in die Mitte des Münsteraner Musiklebens. Schön waren auch die Feste gemeinsam mit dem Orchester im Rahmen des Cäcilienfestes im Lindenhof und die gemeinsamen Radtouren. Die Mitgliedschaft im Chor war über 50 Jahre lang ein fester und bedeutender Bestandteil meines Lebens. Zum Abschluss war es für mich ein einmalig schönes Erlebnis, auf Einladung des Israel Symphony Orchestra unserer Partnerstadt Rishon LeZion dort und in Tel Aviv viermal die 2. Symphonie von Mahler zu singen.

Wie kamst Du auf die Idee, beim Chor des Musikvereins mitzusingen?
D.R.:

Ich ging zunächst mal im Jahr 1978 in den Jugendchor der Stadt Münster, in dem auch mein Bruder sang (und später meine anderen drei Geschwister). Außerdem sangen meine Mutter, mein Onkel und eine Cousine im Chor des Musikvereins. Der Chor hatte seinerzeit – mit viel Engagement durch Robert Middendorf – den Jugendchor gegründet, aus dem man dann leicht in den Chor der Großen hinüberwechseln sollte. Also war es bei uns einfach Tradition dort mitzusingen. Es machte viel Spaß und wir gingen auf Konzertreisen, auch ins Ausland. Ich blieb zunächst bis 1983. Während meines Studiums pausierte ich und trat später im Jahr 1988 in den Chor des Musikvereins ein. Mich interessierte schon immer die Nähe zum Theater, die Möglichkeit, in Opern mitzusingen. Auch war gute Qualität durch die Leitung des jeweiligen Generalmusikdirektors garantiert. Der Chor hatte immer noch innerhalb der Stadt Münster einen besonderen Ruf. Mir gefällt die besondere Beziehung zum Generalmusikdirektor. Wo sonst hast Du als Laie so engen Kontakt zu den Profis des Theaters?

Welche Stimme hast Du gesungen und woran erinnerst Du Dich besonders?
D.R.:

Ich sang und singe Alt. Besonders gefielen mir die Konzerte unter Will Humburg. Die Reisen nach Ferrara, mit „Divara“ und „Le Grand Macabre“. Der „Prophet“ von Meyerbeer, „Johanna auf dem Scheiterhaufen“ von Honegger, die „Götterdämmerung“ von Wagner, das „Mozartrequiem“ in Kombination mit „Der Gefangene“ von Dallapiccola in einem Konzert … So lernte ich Stücke von Grund auf kennen, wozu ich sonst wohl keine Gelegenheit gehabt hätte.

Wie seht Ihr den Chor heute?
R.M.:

Früher gab es den Chor des Musikvereins, er war der einzige große Chor in Münster, er hatte das Alleinstellungsmerkmal. Heute gibt es so viele Chöre, auch große Chöre. Man kann Projektsänger sein, mal hier und dort singen. Auch scheint mir die Verbindlichkeit, die Identifizierung der Chormitglieder mit dem Musikverein nicht mehr so stark zu sein.

D.R.:
Nun heißt der Chor Konzertchor, d.h. die Verbindung zum Musikverein ist nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar. Die Chorleiter, die die Werke mit dem Chor einstudieren, wechseln schneller als früher, was die Bindung der Sängerinnen und Sänger an den Chor als Institution eher schwächt als fördert. Auch scheint mir die Beziehung zwischen dem Generalmusikdirektor und dem Chor nicht mehr so eng wie früher zu sein. Im Übrigen gehen die Chormitglieder vielen Freizeitaktivitäten nach, der Chor spielt eine Rolle, ja, aber es gibt auch noch anderes. Dennoch bleibt nach wie vor, dass die traditionsgemäße Bindung des Chores sowohl an das Sinfonieorchester und den Generalmusikdirektor als auch an das Theater und an die Stadt Münster auch heute noch etwas sehr Besonderes und etwas sehr Reizvolles ist. Für mich gibt es daher keine Frage, dass der Konzertchor ein fester Bestandteil in meinem Leben ist und bleibt, was natürlich auch für das Musikleben der Stadt Münster gilt.

Die Fragen stellte Regine Foerster, Chormitglied und Öffentlichkeitsreferentin.