2009

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Eine musikalische Reise durch Europa
Juni 2009 – Friedenskapelle am Friedenspark, Münster

Musikalisch-kulinarische Köstlichkeiten bot der Konzertchor Münster am Donnerstagabend bei seiner Soiree in der Friedenskapelle am Friedenspark. Kennt man dieses traditionsreiche Ensemble normalerweise durch seine 90-jährige musikalische Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester Münster – Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura ist auch musikalischer Leiter des Chores -, so erlebte man den Konzertchor diesmal auf ganz neuen Wegen mit einem eigenständigen Programm.

Donka Miteva, Chordirektorin der Städtischen Bühnen und Chorleiterin des Ensembles, hatte den Konzertchor sehr umsichtig auf dieses Konzert vorbereitet. So erklang die Auswahl der „Zigeunerlieder op. 103 und op. 112“ von Johannes Brahms mit temperamentvollem Ausdruck, erfüllte der wohldifferenzierte Klang die Friedenskapelle. Begleitet von der Pianistin Elena Pierini, erlebten die Musikbegeisterten eine stimmtechnisch ausgewogene Interpretation, deren starker Gefühlsausdruck sich sofort auf das Publikum übertrug. Der Chor konnte hier all seine Qualitäten ausspielen.

Moderiert wurde die Soiree von Dr. Jens Ponath, dessen feinsinnige Einführungen besonders im zweiten Konzertteil zum besseren Verständnis des Vorgetragenen beitrugen. Denn dort ging es auf eine musikalische Reise quer durch Europa. Mediterrane Weisen aus Italien und Griechenland verwöhnten die Ohren, norwegische Lieder faszinierten mit ihrer starken Gefühlstiefe, gefolgt von Liedern aus Bulgarien und der Ukraine. Den Choral „O Morgenstunde“ aus der Peer Gynt Suite von Edvard Grieg sang der Chor, der morgen um 18 Uhr mit diesem Programm auch in St. Marien in Emsdetten gastiert, in der klar verständlichen Textübersetzung von Christian Morgenstern – eine inspirierende Interpretation. Die übrigen Werke wurden in der jeweiligen Landessprache gesungen.

Gern hätte man dem Konzertchor bei dieser Soiree noch länger zugehört. Aber nach drei Zugaben wartete auf alle Besucher noch ein mit europäischen Köstlichkeiten angefülltes Buffet. So bereitete der Konzertchor den Zuhörern nicht nur einen exquisiten Liederabend, sondern ein Fest für alle Sinne. (Axel Engels, Westfälische Nachrichten vom 19.06.2009)

Giacinto Scelsi: Pfhat und Konx-Om-Pax
April 2009 – Städtische Bühnen Münster

„Pfhat“ und „Konx-Om-Pax“: Fremdartige Wortgebilde bezeichnen zwei Kompositionen des Italieners Giacinto Scelsi (1905-1988), die GMD Fabrizio Ventura mithilfe der vereinten Kräfte von Sinfonieorchester, Konzertchor und Philharmonischem Chor dem münsterischen Publikum nahebringen will. Die beiden Chöre, kundig einstudiert von Donka Miteva und Martin Henning, haben bei der Probenarbeit musikalisches Neuland erkundet. Was die Sänger bei Scelsis Kompositionen zu leisten haben, bewegt sich fernab konventioneller Chorarbeit und fordert den Beteiligten Engagement und Geduld ab.

„Pfhat – Un éclat … et le ciel souvrit“ heißt das erste Stück mit vollem Namen: „Ein Knall – und der Himmel öffnete sich“. Gestopfte Hörner und ein kollektiver Hauchlaut des Chors eröffnen die Komposition – es kommen eher Assoziationen zu Naturgeräuschen als zur menschlichen Stimme auf. Bald darauf ein erster „Knall“ im Orchester, zu dem der Chor einen vielstimmigen Cluster anstimmt – ein Gänsehauteffekt. Die Musik entwickelt sich weiter bis zu einem Crescendo, das unversehens abbricht: Der eigentliche „Éclat“… Auf einmal haben Chorsänger und Orchestermusiker kleine Glocken in der Hand und klingeln, was das Zeug hält – ein einmaliges Bild! Dazu schrillen Flöte und Piccolo, und Thorsten Schmidt-Kapfenburg malträtiert die höchsten Töne seiner Celesta.

Scelsis eindrucksvolles Werk ist aber keineswegs reine Effekthascherei; seinen geistigen Hintergrund bilden Ideen des Zen-Buddhismus, der für den aus Ligurien stammenden Komponisten zu einer zentralen Inspirationsquelle wurde. Während „Pfhat“ in der Streicherbesetzung stark reduziert ist, bietet „Konx-Om-Pax“ (komponiert 1968/69) ein voll besetztes großes Orchester samt Chor auf, so dass das Fassungsvermögen der Bühne des Großen Hauses fast erschöpft ist. Der Titel greift die Wörter verschiedener alter Sprachen für „Frieden“ auf. Besonderen Eindruck macht hier ein gewaltiges Crescendo gegen Mitte des Stücks… (Elmar Schilling, Westfälische Nachrichten vom 21.04.2009)

Edvard Grieg: Peer Gynt Schauspielmusik
März 2009 – Städtische Bühnen Münster

Peer Gynt ist alles andere als ein Sympathieträger. Er ist ein Maulheld, ein Tagedieb, kurzum einer, der rücksichtslos nur auf die Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse aus ist. Umso erstaunlicher, dass die Bühnenmusik für die dramatische Fassung des aus der Feder Henrik Ibsens entsprungenen Wüstlings für etwas ganz anderes zu stehen scheint. Für die Heile-Welt-Stimmung, die zumindest die Werbung mit der „Morgenstimmung“ aus der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg regelmäßig zu verbreiten trachtet. Und genau hier liegt auch das grundlegende Problem im Verhältnis von Wort und Ton. Henrik Ibsens Peer Gynt ist ein Prototyp des modernen, scheiternden Menschen, während Edvard Griegs Peer Gynt noch fest auf dem Boden nationalromantischer Feenmärchen steht. Und so stellt sich bei einer Aufführung wie derjenigen, die beim siebten Sinfoniekonzert der Städtischen Bühnen zu hören war und die – wie ursprünglich vorgesehen – Musik und Text gemeinsam auf die Bühne stellt, die Frage, wie man mit dieser Diskrepanz umgeht.

Ganz einfach: gar nicht! Ausgehend von einer Textfassung auf der Basis sowohl der übersetzungen Christian Morgensterns und Hermann Stocks als auch der Prosafassung Botho Strauß, inszenierte Dirigent Hendrik Vestmann die Geschichte vom Scheitern des Angebers Peer Gynt als das, was sie ist – als dramatisches Gedicht. Kongenial unterstützt wurde er dabei von den Schauspielern Benjamin Kradolfer Roth als Peer Gynt, Regine Andratschke als seiner Mutter Aase, Johannes-Paul Kindler als Erzähler und Christiane Hagedorn in nahezu allen Frauenrollen an der Seite Peer Gynts, mit Ausnahme seiner großen Liebe Solveig, die von Henrike Jacob gespielt wurde. Liebevoll wurde der Text rezitiert, wurden mit der Stimme dramatische Höhepunkte inszeniert, und groteske Situationen genussvoll ausgekostet. Die Musik spielte dabei die zweite Geige, und genau so war sie ja auch einmal gedacht.

Erstaunlich allerdings, dass sie dabei gewinnt. Griegs schwärmerisches Pathos wird durch Ibsens Text gebrochen, und heraus kommt eine überraschend frische, trotz romantischer Grundierung erstaunlich modern gedachte Musik. Das Sinfonieorchester der Stadt Münster wie auch der Konzertchor des Musikvereins und der Chor der Städtischen Bühnen nahmen die begleitende und kommentierende Funktion offensiv an und interpretierten diese ganz aus dem Geist der Bühnenmusik, die sich dem Wort verpflichtet weiß. Dabei gelang ihnen das Kunststück, die Spannung dennoch in keinem Moment abreißen zu lassen… (Stefan Herkenrath, Westfaelische Nachrichten vom 17.03.2009)