2012

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Dvorák: Stabat Mater
März 2012 – Überwasserkirche

Überwältigender „Musica Sacra“-Auftakt mit Dvoráks „Stabat Mater“

Vage und ratlos stehen die ersten Töne im Raum, kaum greifbar, als würden die Musiker ihre Instrumente noch einmal stimmen. Geisterhaft flirrend entspinnt sich eine kleine Schmerzensmelodie. Doch unausweichlich hart treibt Münsters Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura Sinfonieorchester und Chor in das schlimmste der Gefühle.

Venturas scharfer, pulsierender Beginn von Antonín Dvoráks „Stabat Mater“ zeigt den Schmerz heiß und grell, grausam und unbarmherzig. Die Mutter sieht den Sohn ans Kreuz genagelt, ihre Seele hat ein Schwert durchbohrt, heißt es in dem mittelalterlichen Passionsgedicht. Fabrizio Ventura malt dieses Bild groß, plakativ, mit glühenden Farben. Sein „Stabat Mater“ ist nicht die stille Emotion, das meditative Kreisen um Leid und Qual, es ist ein opernhaftes, brennendes Gefühl – immer angetrieben von Glaube und Hoffnung, dass aus der tiefsten Qual auch die höchste Seligkeit erwächst.

Der Auftakt zum neuen Festival „Musica Sacra“ am Samstagabend in Münsters Überwasserkirche kommt wie ein Orkan über das ausverkaufte Gotteshaus. Der Konzertchor Münster (Einstudierung: Karsten Sprenger) und der Philharmonische Chor (Einstudierung: Martin Henning) vereinen sich mit dem Sinfonieorchester unter der Gesamtleitung von Fabrizio Ventura zu einem Klangkörper, der die emotionale Kraft dieser Komposition meisterhaft vermittelt. Der Chor agiert präzise und deutlich, gibt das anspruchsvolle „Virgo virginum praeclara“ betörend und schmelzend, zeigt stes Variationsreichtum in der Dynamik (sehr schön das „Eia Mater“) und kippt selbst im lautstarken Paradies-Finale nie ins Schrille.

Starglanz bei den Solisten: Bayreuth-Sängerin Michelle Breedt überzeugt mit einer samtenen, aber doch kraftvollen Altstimme, Iride Martínez’ Wohlfühl-Sopran glänzt mit Koloraturen und schmiegt sich im „Fac, ut portem“ sehnsuchtsvoll an die lyrische Stimme von Tenor Bülent Külekci. Sein dramatischer Tonfall rückt den Abend am deutlichsten in Richtung Oper. Zurückgenommener, aber nicht weniger gefühlvoll und groß: die Stimme von Bass Christoph Stephinger.

Das Sinfonieorchester sonnt sich in der Melodienvielfalt, es gibt Kabinettstückchen für die Holzbläser, besonders für die Flöten. Die Streicher kosten die einfachen und doch zu Herzen gehenden Melodiebögen aus. Was für ein hinreißendes, tief tröstliches Stück ist allein das „Fac me vere tecum flere“: Lass mich wahrlich mit dir weinen. Dvorák muss sehr gelitten und mit seinen Gefühlen gekämpft haben, als er 1876 und 1877 an der Partitur schrieb, im Schmerz ganz weltlich vereint mit der Gottesmutter: Seine drei Kinder waren innerhalb kürzester Zeit gestorben.

Das hoffnungsstarke Finale ist Klangenthusiasmus pur, den Ventura in aller Farbenpracht entfaltet. Bis zu den vereinzelten Schlusstönen, die er fast ergeben verklingen lässt. Die Pause bis zum Applaus scheint ewig. Doch dann gibt es stehende Ovationen – für eine musikalische Sternstunde.
(Sabine Müller, Münstersche Zeitung vom 02.04.2012)