2013

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Carl Orff: Carmina Burana
Juli 2013, Aaseerenaden

Der Tenor reist im Schwan an

Dass die Moderatoren von der Bühne gepfiffen wurden, ist im Grunde ein Kompliment für die Aaseerenaden. Tausende von Menschen waren am Samstag gekommen, um bei bestem Wetter Musik an Münsters Seebühne zu genießen. So soll es sein, das wird gemocht. Was man nicht mag: Übermotivierte Ansager, die in epischer Breite Programm und lokale Promis vorstellen. (…)

Doch so schnell wie der Unmut gekommen war, verflog er auch wieder – Carl Orffs „Carmina Burana“, die sündigen Lieder über Völlerei, Lust und Liebe, wälzten die gereizte Stimmung einfach weg. Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura beschwor im einleitenden Chor Göttin Fortuna, als gehe es wirklich um Leben und Tod: das Schlagwerk wummerte mit technischer Hilfe in abgründigen Tiefen, das Schicksal dröhnte im ganzen Körper. Ein göttliches Beben. Einfach zu dirigieren war das nicht. Der Konzertchor und der Philharmonische Chor standen auf einer zweiten Bühne rechts am Ufer, so dass Ventura sich immer drehen und wenden musste, der Kinderchor des Gymnasiums Paulinum war sogar hinter die Zuschauer gerückt – wo ihn, da es keinen Hinweis dazu gegeben hatte – wohl kaum jemand wahrnahm. Doch die erschwerten Umstände gingen nicht zu Lasten der Präzision. Dass die Chöre manchmal dennoch etwas dünn tönten, war der Lage am See geschuldet: Der Klang hat hier keinen Halt, weht einfach davon. Allerdings nicht weit genug. Wer seitlich auf den Hängen saß, hörte nur wenig. Ein paar zusätzliche Boxen würden vielleicht helfen.

Der Gag des Abends kam über den See. Tenor Yves Saelens schwebte wie Lohengrin auf einem Schwan ein – allerdings mit Schwimmweste. Er saß im berühmten Schwanen-Tretboot, das einst das Herz des echten Schwans Petra entflammt hatte. Der Sänger steuerte auf die Bühne zu, kletterte aus dem Schwan und fistelte – immer noch mit Schwimmweste über der Brust – den herzzerreißenden Gesang des gebratenen Schwans. Wie ein tödlich beleidigter, weinerlicher alter Graf girrte seine lateinische Litanei, die davon erzählt, wie er am Spieß schwärzer und schwärzer wird. Die Gäste mit den gefletschten Zähnen lauern schon. Mit Trauermiene bestieg Saelens nach der Arie erneut den Schwan und glitt über den See zurück. Besser geht es nicht.

Auch die anderen beiden Solisten machten ihre Sache prima. Juan Fernando Gutiérrez färbte seine Partie so dunkel wie das Mittelalter, dem die Texte entstammen. Julia Neumann, die für die erkrankte Henrike Jacob eingesprungen war, schaffte die Spitzentöne sicher. Auch Ventura war durchweg souverän. Selbst die leisen Töne, die sirrende erotische Spannung in den vermeintlich unschuldigen Frühlingsliedchen arbeitete er heraus. Wenn der Chor „Oh, totus floreo“ vorantreibt, ist das brennende Verlangen nicht mehr wegzudiskutieren. Das Publikum wurde vom Fieber angesteckt, wippte und sang mit und bekam als Zugabe noch einmal Göttliches: „O Fortuna“. Feurige Liebe – die gab es auch am Himmel. Mit einiger Verspätung startete das Feuerwerk. Eine fulminante Pracht. Die Schuhe waren da schon wieder an den Füßen, der Klappstuhl zugeklappt.
(Sabine Müller, Münstersche Zeitung 07.07.2013)

César Franck: Messe in A-Dur
November 2013, Lambertikirche

Klänge aus fernen Sphären

Die Kontraste könnten größer nicht sein. Draußen montierten die fahrenden Händler bereits ihre Weihnachtsmarktbuden und Glühlampen, drinnen in der Lambertikirche herrschte noch die erwartungsvolle Dunkelheit am Vorabend des Sonntags, den die Katholiken als Christkönigsfest und die Protestanten als „Totensonntag“ oder besser „Ewigkeitssonntag“ feiern.

Die gespannte Erwartung des Publikums entlud sich beim Konzert des Konzertchors Münster / Chor des Musikvereins in geradezu mystischen und euphorischen Klängen, wie sie für César Franck (1822-1890), den französischen Komponisten deutsch-belgischer Abstammung, eigentümlich sind. Seine Messe in A-Dur (1860/1872, mit dem später eingefügten, allseits bekannten Einlagesatz „Panis angelicus“) stand im Zentrum des gut 70-minütigen Konzertabends in der im Mittelschiff gut gefüllten Lambertikirche. Ein ungewöhnlicher, meist dreistimmiger Klangkosmos, den man wohl auch bei mehrmaligem Hören nie in Gänze zu fassen bekommt, so vielschichtig fallen Rhythmen und Melodien aus.

Der Chor (Einstudierung Elda Laro) unter der Leitung von Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura erreichte mit dem Gloria einen strahlenden, geradezu ekstatischen Klang. Im Kyrie wusste Tenor Youn-Seong Shim Akzente zu setzen, das Credo wurde durch Bass Hee-Sung Yoon gravitätisch eingeleitet, glockenrein trug Sopranistin Katarzyna Gra­bosz darin das „Et incarnatus est“ vor, mit himmelsgleichen Stimmen der Schuke-Orgel untermalt. An dem wahrhaft majestätischen Instrument glänzte Prof. Adam Nowak, der den Hauptpart der Chorbegleitung übernahm. Cello (Monika Krack), Kontrabass (Renate Fischer) und Harfe (Christiane Steffens) fügten sich harmonisch ein. Nowak hatte den Abend der sphärischen Klänge mit dem 1890 entstandenen Choral Nr. 1 E-Dur von César Franck eröffnet und damit den verzwickten, aber herrlichen Musikkosmos des Komponisten klangmächtig aufgeschlossen. Erst nach dem letzten leisen verhallenden „Dona nobis pacem“ des Chores im abschließenden „Agnus Dei“ glitten die atemlos lauschenden Zuhörer wieder in die Wirklichkeit zurück – und vernahmen dann wieder ernüchtert das schnöde Gegröle auf Salzstraße und Prinzipalmarkt.

(Johannes Loy, Westfälische Nachrichten 25.11.2013)