Pressestimmen 2016

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Verdi Requiem, März 2016
Mozart Requiem, November 2016

Mozart: Requiem

Totenmesse wird neu belebt: Konzertchor singt Mozart-Requiem in der Marguerre-Fassung

Wenn der Konzertchor Münster am Samstag das Mozart-Requiem aufführt, wird es an manchen Stellen anders klingen als erwartet. Denn nicht die üblicherweise gespielte Version des Mozart-Schülers Franx Xaver Süssmayr steht auf den Pulten, sondern eine Fassung von Karl Marguerre. Dieser war im Hauptberuf Professor für Mathematik und Mechanik an der Technischen Hochschule Darmstadt, hat sich aber bis zu seinem Tod 1979 intensiv mit Musik beschäftigt, insbesondere mit den Werken Mozarts. Etliche wissenschaftliche Publikationen sind daraus erwachsen, die dem Forscher bis heute einen festen Platz innerhalb der Musikwissenschaft sichern.

Dass Marguerres Requiem-Version nun in Münster zu erleben ist, dazu gab Dorothee Heath den Anstoß. Sie ist Geigerin im Sinfonieorchester Münster und die Enkelin des Mozart-Experten, der „sein“ Requiem zu Lebzeiten regelmäßig mit dem von ihm gegründeten Darmstädter Hochschulchor und -orchester aufgeführt hat. Generalmusikdirektor Fabrizio Ventura war von der Idee, die Marguerre-Version zu präsentieren, sofort angetan: „Das Klangbild wird gegenüber Süßmayr farbiger durch die Verwendung von Flöten, Oboen und Klarinetten“ – womit der erste Unterschied benannt ist.

Doch auch den Notentext selbst hat Marguerre stellenweise verändert, vor allem dort, wo Süssmayr sich seiner Ansicht nach ein wenig ungeschickt angestellt hat, so etwa im „Lacrymosa“ oder in der „Sanctus“-Fuge. „Mein Großvater hat sehr detailliert analysiert, wie Mozart generell als Komponist in Sachen Harmonieführung vorgegangen ist und wie er seine musikalischen Themen gebaut hat“, erklärt Dorothee Heath. All diese akribische Beschäftigung floss ein in eine eigene Ausgestaltung der Totenmesse, die dann nach Marguerres Tod 30 Jahre lang unbeachtet in einer Schublade lag – bis Heath sie dort wieder ausgrub, nochmals bearbeitete und schließlich in gedruckter Form herausgab.

Kontrastiert wird Mozarts „Requiem“ durch die Uraufführung des Violinkonzerts „facetten“ von Ulrich Schultheiß, die Mihai Ionescu als Solist spielen wird. Eleonore Marguerre (langjähriges Mitglied im Ensemble der Oper Dortmund und ebenfalls Enkelin des Mozart-Bearbeiters) übernimmt die Sopran-Partie im „Requiem“.

(Christoph Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten vom 24.11.2016)

Verdi: Messa da Requiem

„Libera me, Domine“ – „Befreie mich, Herr, vom ewigen Tod“. Mit dieser Bitte endet Giuseppe Verdis „Requiem“. Still und ziemlich stammelnd. Nicht mit cherubinischen Klängen, die vom Standpunkt der Erlösung aus gedacht, gar gefühlt sind. Verdi, das macht seine Musik ganz deutlich, hofft als Zweifelnder, nicht als naiv Glaubender. Vielleicht ist seine unglaublich berührende Totenmesse gerade deshalb für eine säkular gewordene Gesellschaft wie die des 21. Jahrhunderts noch (oder wieder) relevant.

Ergreifend vom ersten bis zum letzten Ton ist dieses Requiem allemal. Daran ließ Fabrizio Ventura mit seinem Sinfonieorchester, dem Konzertchor und dem Philharmonischen Chor am Samstag in Münsters Paulusdom keinen Moment lang einen Zweifel. Tausenden Zuhörern des Eröffnungskonzertes des Musica-Sacra-Festivals standen mehrere Hundertschaften an Sängern und Instrumentalisten gegenüber, gemeinsam ging es um das Nachdenken über Leben und Tod.

Mit vehementen Ausbrüchen wie dem „Dies irae“ oder dem von den Blechbläsern packend gesteigerten „Tuba mirum“. Aber auch mit sphärisch flirrenden Streichern, die etwa dem „Hostias“ des Solo-Tenors viel Weihrauch unterlegten. Verdi erweist sich als Meister der gestischen Textausdeutung. Ein Anspruch, dem die von Elda Laro und Martin Henning einstudierten Chöre mit bewundernswerter Klarheit, Überzeugungskraft und sängerischer Kompetenz gerecht wurden. Das Orchester nicht minder – Ventura setzte auf durchaus dramatische, dabei immer subtil erspürte Wirkung von enormer Bandbreite: von der schneidend durch den Dom gellenden Piccoloflöte bis zur markigen Großen Trommel.

So differenziert der Orchesterklang, so homogen und stimmlich sich rundend die Solisten Iano Tamar (Sopran), Mariana Pentcheva (Mezzosopran), Danilo Formaggia (Tenor) und Burak Bilgili (Bass). Wie man Duos, Terzette und Quartette komponiert, hat Verdi in seinen Opern gezeigt. In seinem Requiem ist es nicht anders – und doch berührten ganz besonders einzelne Soli wie Mariana Pentchevas „Recordare“ und das schon auf die Otello-Desdemona vorausweisende „Lux aeterna“. Oder das letzte, chorbegleitete „Requiem aeternam“ von Iano Tamar. Derart emotional tief empfunden, brachte sie Steine zum Erweichen und trieb so manchem Tränen in die Augen – und einen Funken Hoffnung in die Seele.

(Christoph Schulte im Walde, Westfälische Nachrichten vom 21.03.2016)