Pressestimmen 2017

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Jon Leifs: Island Ouvertüre op. 9 und Island-Kantate op. 13

Island und Griechenland: Viel weiter voneinander entfernt geht’s in Europa kaum. Das Sinfonieorchester und der Konzertchor Münster boten im ausverkauften Landesmuseum einen Einblick in die sinfonische Musik der beiden Länder.
Für Island fiel die Wahl auf Jón Leif, der 1916 bis 1921 am Leipziger Konservatorium studierte und eine eigene sinfonische Musik Islands mitbegründete. Seine Island-Ouvertüre op. 9 und Island-Kantaten op. 13 sind inspiriert von den Mythen und Landschaften der Insel und von ihren Musiktraditionen. Die einzelnen Sätze arbeiten mit Kontrasten, mal kammermusikalisch fein instrumentiert oder mit Passagen, die der Chor a cappella vorträgt, dann wieder mit großer sinfonischer Besetzung und viel Schlagwerk. Die Sängerinnen und Sänger des Konzertchors meisterten ihren anspruchsvollen Part mit Bravour, das Sinfonieorchester unter der Leitung von Boris Cepeda begleitete den Chor mit Wärme und Perfektion.
Im Vergleich zu Leifs mitunter eher ruppiger Tonsprache prägen überwiegend unbeschwerte, „typisch griechische“ Melodien und Rhythmen die Werke sowohl von Nikos Skalkottas als auch von Mikis Theodorakis in der zweiten, griechischen Konzerthälfte. Doch das naheliegende Klischee vom unterkühlten Norden und sonnigen Süden würde zu kurz greifen. Den farbenreich instrumentierten Island-Kantaten von Leif schloss sich zunächst die Ode „Oedipus Tyrannos“ von Theodorakis an. Genau die richtige, mit einer reinen Streicherbesetzung etwas ruhigere Musik zum Schwelgen (Orchester) und Durchatmen (Publikum). Bei allen Gegensätzen fügten sich die Werke der drei Komponisten so zu einem schlüssigen Konzerterlebnis.
Münsters neuer Generalmusikdirektor Golo Berg freute sich, das Sinfonieorchester einmal in einer „unterstützenden Akustik“ zu hören. Tatsächlich bietet das Foyer des LWL-Museums für Kunst und Kultur den Musikern einen Hall, der vor allem bei ruhigeren Sätzen zur Geltung kommt. Nicht mehr so überakustisch wie im Vorgängerbau des Museums, aber eben auch nicht so trocken wie im Theater. Der Aufbau von Chor und Orchester in dem frisch renovierten Foyer mit zusätzlichem farbigen Licht war ein Hingucker, mit dem Chor, der ein Stockwerk höher, wie von einem Balkon herab sang und dies trotz der räumlichen Distanz zum Dirigenten und zum Orchester hervorragend bewältigte.
Dass das Foyer kein Konzertsaal ist, wurde in den schnelleren Passagen deutlich – hier war der Hall zu viel des Guten. Obwohl präzise und engagiert gespielt, gelangte nicht mehr jedes musikalische Detail bis in die mittleren oder gar hinteren Reihen. Der Begeisterung des Publikums tat dies keinen Abbruch. Riesenapplaus erhielten die Musiker unter der Leitung von Thorsten Schmid-Kapfenburg für die Oedipus-Ode, die „Fünf griechischen Tänze“ von Skalkottas sowie für die mitreißende Filmmusik zu „Alexis Sorbas“ von Theodorakis, mit Georgios Evangelou an der Bouzouki.
Das Konzert war Teil des Münsterland Festivals. Eine weitere Gelegenheit, das Sinfonieorchester im Foyer des Landesmuseums zu hören, gibt es am 19. April bei einem Crossover-Konzert mit dem schwedischen Jazzstar Nils Landgren (Posaune).
(Brigitte Heeke, Westfälische Nachrichten vom 06.11.2017)

Do., 22.06.2017

Jubiläumskonzert des Konzertchors Münster in der Petrikirche Komponisten-Droste begeistert

Von Arndt Zinkant
 Manchmal können Musiker wie Archäologen sein. Und wenn sie sich durch Bibliotheken und Archive gewühlt haben, dann wird hin und wieder ein vergessener Schatz gehoben. Chorleiter Boris Cepeda, der dem Konzertchor Münster seit vorigem Jahr vorsteht, ist dies gelungen; er hatte sich auf die Spuren eines ur-münsterschen Werkes begeben, das „seinem“ Konzertchor Münster gleichsam als Geschenk zum 200-jährigen Bestehen überreicht werden sollte. Und er fand es: Das Te Deum Nr.3 von Maximilian Friedrich von Droste-Hülshoff war für das Jubiläumskonzert maßgeschneidert – und wurde vom Konzertchor mit Verve und Wonne gesungen.

Fabrizio Ventura und vor allem sein Sinfonieorchester Münster sind dem Chor traditionell verbunden; sie sekundierten mit einem famosen Solistenquartett: Eva Bauchmüller (Sopran), Lisa Wedekind (Mezzosopran), Youn-Seong Shim (Tenor) und Gregor Dalal (Bass). Die schöne Chor-Aufführung wurde mit Webers „Jubelmesse“ passend ergänzt, und die Zuhörer in der Petrikirche zeigten sich hingerissen.

Der komponierende Droste (1764-1840) hatte seinerzeit schon auf Joseph Haydn Eindruck gemacht und konnte auch an diesem Abend gefallen. Sein Stil steht auf der Schwelle von der Klassik zur Romantik, ist klangschön und eingängig. „Sanctus, sanctus, sanctus“, so wird mit Pauken und Trompeten intoniert, während der Tenor-Solist (klar und kräftig: Youn-Seong Shim) oft a cappella deklamieren muss. Meist aber gibt es farbige Chor-Power im Fortissimo, die in der kleinen Petrikirche zusätzlich Wucht entfaltet.

Maximilian Friedrich von Droste-Hülshoff hat sein drittes Te Deum 1825 uraufgeführt, also in den Gründertagen des Musikvereins (aus dem der Konzertchor hervorging), dem er in dieser Zeit auch verbunden war. Und Carl Maria von Webers Missa Sancta Nr.2 „Jubelmesse“ entstand ebenfalls vor 200 Jahren. Sie passte in ihrem volkstümlichen Ton und romantischen Überschwang trefflich zum Te Deum, wo der Droste teils sogar weberschen Stil vorwegnahm.

Dem Konzertchor gelang ein schön ausschwingendes Kyrie, wie überhaupt die strahlenden Passagen dieser Messe den besten Eindruck hinterließen. Fabrizio Ventura und sein Orchester lieferten idiomatischen, romantischen Weber-Sound und gaben diesem Jubiläumskonzert den letzten Schliff.

Berlioz: Grande Messe des Morts

Fanfaren aus allen Winkeln: Hector Berlioz’ „Grande Messe des Morts“ im Paulus-Dom

Ein solches Werk ist wie für den münsterschen Dom geschaffen. Wo sonst könnte man vier Bläserensembles von fern aus allen Richtungen schmettern lassen? Ehrfurcht gebietend rüttelt das „Jüngste Gericht“ an den Säulen des Domes. Hector Berlioz, das eigensinnige Genie der französischen Romantik, bietet in seinem Requiem (Grande Messe des Morts) gigantische Kräfte auf: bei der Pariser Uraufführung 1837 waren vier Hundertschaften im Einsatz. Die von Fabrizio Ventura mitreißend geleitete Aufführung war demgegenüber jenem romantischen Übermaß natürlich abgespeckt, wirkte in den Hallfluten des Domes aber immer noch spektakulär.

Selten wurde das Spannungsfeld von Todesangst und Hoffnungsschimmer so individualistisch ausgedeutet wie von Berlioz. Das Publikum im voll besetzten Dom zeigte seine Begeisterung mit minutenlangen Ovationen. Den hatten sich alle Beteiligten redlich verdient. Drei Chöre waren formiert: der Philharmonische Chor, der Konzertchor und die Capella Vocale. Vier Orchester stellten die insgesamt 140 Instrumentalisten: das Sinfonieorchester Münster, das Orchester der Musikhochschule sowie zwei Ensembles der Musikschule. Donnerwetter! Wann sieht man zum Beispiel sieben Fagotte in Reih und Glied sitzen?

Die Holzbläser können sich indes nur in den leisen, innigen Passagen behaupten – und die klingen, gerade wegen der vorherrschenden Bombastik, besonders innig. Leise hebt das Werk auch an. Introitus (Requiem und Kyrie eleison): Der Anfang ist mit lang ausgehaltenen Tönen ein Mysterium. Bereits in diesem ersten Satz ringen Tod und Hoffnung dramatisch miteinander, grimmige Bässe, liebliche Soprane. Der Chor zeigt sich kraftvoll und klangschön. Ventura geht sogleich in medias res und lässt die Kontraste wuchtig ausmusizieren.

Auch das folgende „Dies irae“ überrascht formal. Was bei Mozart noch als höllischer Ritt daherstürmte, wirkt bei Berlioz statisch. Die Ruhe vor dem Sturm – der beim „Tuba mirum“ mit Fanfaren aus allen Dom-Winkeln losbricht. Blech-Akkorde, die wie goldene Hammerschläge an die Mauern prallen. Wie, so fragt man sich, soll das noch gesteigert werden? Gar nicht. Berlioz geht eigene Wege, die vom Dunkel zum Licht führen.

Da wäre etwa die triumphale Klangwoge des „Lacrimosa“. Und im Sanctus-Teil gönnt uns der Bach-Verächter Berlioz eine veritable Hosanna-Fuge, die der Riesenchor gut bewältigt. Im „Sanctus“ meldet sich auch der Solo-Tenor das einzige Mal zu Wort. Youn-Seong Shim singt von der Kanzel mit viriler Kraft, gegen die sich die Chorsoprane um so süßer ausnehmen.

(Arndt Zinkant, Westfälische Nachrichten vom 08.05.2017)